Zukunft im Handel

Startschuss für wichtiges Demografie- und Tarifprojekt

Zukunft im Handel

Startschuss für wichtiges Demografie- und Tarifprojekt

Gute Chancen für gute Tarifverträge

Der demografische Wandel verschont keine Branche. Deutschland wird älter und schrumpft. Das Durchschnittsalter der Belegschaften wächst. Auch im Handel. Die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Nachwuchs werden größer. Noch wichtiger wird die Vereinbarkeit von Beruflichem und Privatem: Um den Einzel-, Groß- und Außenhandel auch für junge Leute attraktiver zu machen und weil bei vielen die Pflegeverpflichtungen gegenüber Angehörigen zunehmen.

Das alles bringt einen rasant wachsenden Handlungsdruck mit sich. "Gleichzeitig aber auch große Chancen, um die Arbeit mit Hilfe von Tarifverträgen zielgerichtet besser zugestalten", wie ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger betont. Sehr deutlich zeigte sich dies, als jetzt der Startschuss für ein hochkarätiges Demografie- und Tarifprojekt fiel, an dem die Gewerkschaft ver.di und die Arbeitgeberverbände HDE (Einzelhandel) und BGA (Groß- und Außenhandel) maßgeblich beteiligt sind.

Bei der Auftaktkonferenz für das Projekt "ZusammenWachsen – ArbeitGestalten" am 20. Juni in Berlin mit über 200 Beteiligten – darunter etwa ein Viertel aus Unternehmen wie Galeria Kaufhof, Karstadt, Rewe, Penny, Metro, Edeka, Otto-Versand, Hermes, Ikea, real,-, Kaufland, Handelshof, Tengelmann, Elektro Großhandel,Thalia und von Sanacorp, Phoenix, Anzag (alle Pharmagroßhandel) – wurden Branchennetzwerke in fünf verschiedenen Dienstleistungsbranchen gegründet, eines davon für den Handel.

"Der zu erwartende Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um gut fünf Millionen in den kommenden 15 Jahren, macht deutlich: Die Zeit drängt, es muss gehandelt werden", so Projektleiterin Tatjana Fuchs vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie (INIFES).

In den Statements der Arbeitgeberspitzen Heribert Jöris (HDE), Rainer Marschaus (Metro AG) und Gerhard Handke (BGA) zur Bewältigung des demografischen Wandels und den ver.di-Forderungen zu dem Thema gab es sehr viel Übereinstimmendes. Stichworte sind qualitativ hochwertige Ausbildungen und sichere Übernahmen, attraktivere, familienfreundliche, gesundheits- und lernförderliche Arbeitsbedingungen als Perspektive für Frauen und Männer, besseres Führungsverhalten, Minimierung des Arbeitsdrucks, altersgerechte Laufbahnplanung, lebenslange Qualifikation, mehr Einflussmöglichkeiten der Beschäftigten auf die Arbeit, ausreichende Altersversorgung.

Stefanie Nutzenberger: "Jetzt müssen Taten folgen"

"Es ist positiv, dass sich die Verbände so klar positionieren und die Arbeit andersgestalten wollen", sagte Stefanie Nutzenberger als für den Handel zuständiges ver.di-Vorstandsmitglied. "Doch die Realität im Handel hier und jetzt ist eine andere. Es gibt viele Minijobs und prekäre Arbeitsverhältnisse. Der Personalabbau verschärft den Arbeitsdruck und die Belastungen für die Beschäftigten immer stärker. Das kann nicht die Perspektive sein. Jetzt müssen Taten folgen und wir sollten dazu gemeinsam die Chancen des demografischen Wandels nutzen."

In den jetzt gegründeten Branchennetzwerken werden die betrieblichen und tariflichen Akteure, Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter/innen, Betriebsrats- und Tarifkommissionsmitglieder sowie Arbeits- und Gesundheitsschutzexperten regelmäßig zusammentreffen, um Gestaltungsfelder des demografischen Wandels zu bestimmen und Lösungsansätze zu diskutieren. Im Fokus stehen insbesondere auch tarifvertragliche Lösungen im Sinne der Projektslogans "Gute Arbeit für Jung und Alt" und "Arbeit gestaltet Zukunft - Tarifverträge gestalten Arbeit".

Ausgewertet werden dazu auch die Erfahrungen aus Pilotprojekten. Eines davon läuft in einer Hannoveraner Galeria-Kaufhof-Filiale, wo nach einer Gefährdungsbeurteilung und Befragung zu psychischen Gesundheitsbelastungen jetzt in Workshops Vorschläge von den Beschäftigten erarbeitet werden, um beispielsweise bessere Arbeitsabläufe, weniger Zeitdruck und ein verändertes Führungsverhalten zu erzielen. Das Projekt wird gemeinsam vom Betriebsrat und der örtlichen Geschäftsführung durchgeführt, die bei der Auftaktkonferenz berichteten. Weitere "Piloten" sollen beim Pharmagroßhändler Sanacorp, im Stahlgroßhandel, bei Real und bei Ikea gestartet werden.

Und auch Rewe ist stark in das Thema involviert. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Andreas Ratzmann stellte einen besonderen Service- und Gesundheitsschuh vor und sagte darüber hinaus, dass für über 4.000 Auszubildende mit dem Arbeitgeber eine unbefristete Übernahmegarantie in Vollzeit ausgehandelt werden konnte. Als Spitzenmann in der Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution (BGHW) wies er auf den jährlich vergebenen Präventionspreis für Arbeits- und Gesundheitsschutz hin, an dem sich auch Betriebsräte mit eigenen Initiativen beteiligen können. Bei der Netzwerkarbeit, die von Arbeitswissenschaftlern begleitet wird, soll es im Hinblick auf Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen auch einen übergreifenden Meinungsaustausch mit den Branchen und Bereichen Pflege, Sozial- und Erziehungsdienst, Personennahverkehr und Straßenmeistereien geben.

Das Demografie- und Tarifprojekt hat eine Laufzeit bis Ende 2014. Es wird gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und fachlich geleitet vom Institut INIFES.

Andreas Hamann