Zukunft im Handel

"Wir stehen vor gewaltigen Umbrüchen!"

Zukunft im Handel

"Wir stehen vor gewaltigen Umbrüchen!"

Porträt Stefanie Nutzenberger Kay Herschelmann Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Bundesvorstand der ver.di und zuständig für den Fachbereich Handel

ver.di verhandelt mit Ikea – Datenschutz kontra digitale Leistungskontrollen – Allgemeinverbindlichkeitserklärung

Stefanie Nutzenberger im Interview mit Hanno Bender von der Lebensmittel Zeitung (dfv Mediengruppe, 03. Januar 2020)

  • Frau Nutzenberger, welche Ziele hat sich ver.di im Fachbereich Handel für das kommende Jahr gesetzt?

Als Gewerkschaft begleiten wir auch in 2020 insbesondere die Menschen, die aufgrund unternehmerischer Entscheidungen noch nicht wissen, wie ihre Zukunft aussieht. Allen voran sind das die Beschäftigten bei real,-.

Wichtig ist außdem die Zukunft der Warenhäuser. Dabei geht es elementar um die Beschäftigten bei Kaufhof und Karstadt, aber auch darum, wie sich die Innenstädte in Zukunft entwickeln. Für die Beschäftigten sind Umstrukturierung oder gar ein Verkauf einschneidende berufliche Ereignisse, die darüber hinaus ihre Existenz bedrohen. Deshalb müssen Lösungen gefunden werden, die Sicherheit bieten: Beschäftigungssicherung, aber eben auch die Sicherheit von existenzsichernden Einkommen und gute Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge.

  • Was bedeutet die fortschreitende Digitalisierung für die Gewerkschaftsarbeit in der Handelsbranche?

Angesichts der Entwicklungen im Handel – Filialschließungen, Personalabbau, Automatisierung – rücken die Auswirkungen von strukturellen und organisatorischen Veränderungen der digitalen Transformation stärker in den Fokus unserer Arbeit. Wir beobachten Arbeitsverdichtungen und gestiegene Anforderungen an die Beschäftigten.

Deshalb wollen wir zum Beispiel bei Ikea einen Tarifvertrag für die Gestaltung des digitalen Wandels abschließen. Auch das Thema Datenschutz und digitale Leistungskontrollen – siehe etwa die aktuellen Entwicklungen bei Zalando mit der Software Zonar – spielt für uns eine immer wichtigere Rolle. Es ist klar, dass wir vor gewaltigen Umbrüchen stehen, die nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen dürfen. Da sind nicht nur wir als Gewerkschaft, sondern auch Politik und Gesellschaft gefordert.

  • Bleibt das Thema Tarifbindung und Allgemeinverbindlichkeit weiter ganz oben auf der Agenda von ver.di?

Da wir uns 2020 weiterhin mit Nachdruck für bessere Arbeitsbedingungen der Beschäftigten insgesamt engagieren, setzen wir uns vehement dafür ein, die Tarifbindung im Handel zu erhöhen.

Dazu beschreitet ver.di zwei Wege: Wir kämpfen für Tarifverträge in einzelnen Unternehmen, etwa bei Amazon, Douglas, Dehner oder dm, und wir lassen nicht nach in unserem Einsatz für eine Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge. Denn die dramatische Erosion der Tarifbindung bedeutet für die Beschäftigten Einkommens- und damit später Altersarmut.

Eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung (AVE) ist notwendiger denn je und mit ihr die Stabilisierung von Betriebsräten und deren Strukturen. Die Arbeitgeber sollten sich endlich ihrer sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung stellen und ihre Blockadepolitik in Sachen AVE beenden.

  • Sind Sie zuversichtlich, das Dauerthema „Entgeltstrukturvertrag“ 2020 voranbringen zu können?

Steigende Anforderungen und neue Aufgaben an die Beschäftigten sowie stärkere Belastungen zeigen, wie wichtig ein neuer Entgeltrahmentarifvertrag ist. 2020 werden die Gespräche mit dem HDE fortgesetzt.

  • Was war im Rückblick ein wichtiger Erfolg im vergangenen Jahr?

Wir haben 2019 eine erfolgreiche Tarifrunde im Handel geführt. Insgesamt erhalten die Beschäftigten in diesem Jahr drei Prozent und im nächsten Jahr 1,8 Prozent mehr Lohn, mit einer sozialen Komponente für die Einzelhandelsbeschäftigten. Für die Auszubildenden haben wir eine überproportionale Erhöhung durchgesetzt.

Im Groß- und Außenhandel wurden ebenfalls drei Prozent in 2019 und für das nächste Jahr 1,9 Prozent erkämpft. Dies ist dem Mut vieler Gewerkschaftsaktiver zu verdanken.

Kurz vor Weihnachten konnten wir uns nach langen Verhandlungen für die rund 25.600 Beschäftigten in den Warenhäusern Kaufhof und Karstadt sowie Karstadt Sports und Karstadt Feinkost mit den Arbeitgebern auf eine Tariflösung verständigen. Sie gewährt für die nächsten fünf Jahre eine umfassende Standort- und Beschäftigungssicherung sowie die vollständige Rückkehr in die Flächentarifverträge des Einzelhandels. 

Das Interview führte Hanno Bender von der Lebensmittel Zeitung (dfv Mediengruppe, 03. Januar 2020).

Auch fürs neue Jahr gilt: Seid dabei und gebt uns Rückendeckung!

Ihr könnt uns effektiv unterstützen: als ver.di-Mitglied und damit als Teil unserer Basis. Denn wir sind umso stärker, je mehr wir sind. Und umso vollständiger setzen wir auch unsere Forderungen durch.

Deswegen: mitmachen, mitreden, mitbestimmen – in eurem eigenen Interesse!


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