Zukunft im Handel

Öffentlicher Druck als Waffe

Zukunft im Handel

Öffentlicher Druck als Waffe

(Quelle: Andreas Kraft / Magazin "Mitbestimmung" der Hans-Böckler-Stiftung, Ausgabe 11/2014)

Das Internet wird auch für die Öffentlichkeitsarbeit von Betriebsräten immer wichtiger. Sie erreichen über das Netz nicht nur Beschäftigte, sondern auch Manager und Journalisten. Im Konfliktfall haben sie damit einen Kanal mit einer hohen Schlagkraft.

Online Offline Button mit gestreiften Hintergrund weiss silber Maik Schwertle / pixelio.de Online Offline

Wenn bei Amazon Streik ist, so wie Ende Oktober, schnellen die Zugriffszahlen in die Höhe – auf 50.000 Klicks am Tag. Auf dem Amazon-Blog von ver.di diskutieren die Beschäftigten dann miteinander: wie viele sich an dem Streik beteiligen, ob Amazon die deutschen Niederlassungen ins Ausland verlagern könnte, ob der Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel für Amazon gelten sollte.

In den Nutzerkommentaren auf dem Blog hagelt es viel Kritik – an der Gewerkschaft und an den ver.di-Betriebsräten. Aber es gibt auch viel Zustimmung für den Kampf um Tarifverhandlungen mit dem Online-Händler. Doch nicht nur die Beschäftigten verfolgen die Seite, auch Journalisten recherchieren dort. Die Arbeitnehmervertreter bei Amazon haben so einen direkten Draht zu den Medien.

Wer bei Google nach „Amazon Blog“ sucht, findet als zweiten Treffer die Seite der Beschäftigten. Besser schneidet nur das Blog des Unternehmens ab. „Die Seite hat das Unternehmen als Antwort auf unser Blog aufgesetzt“, sagt Stefan Najda, der bei der ver.di-Bundesverwaltung für den Versand- und Onlinehandel zuständig ist. Amazon zeichnet sich dort in netten Imagefilmen als vorbildlichen Arbeitgeber. „Aber eine Kommentarfunktion gibt es nicht“, sagt Najda. Dabei gehöre das zu einem Blog doch dazu. „Wir lassen bei uns ja auch die Kritik stehen, auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, dass die Beiträge nicht wirklich echt sind, sondern vom Social-Media-Team des Unternehmens kommen.“ 

Das Internet hat die Öffentlichkeit verändert
ver.di-Sekretär Najda sammelt seit Jahren Erfahrungen in Sachen Öffentlichkeitsarbeit über das Internet. Er sagt aber bescheiden: „Wir stecken da noch in den Kinderschuhen.“ Angefangen hat bei ver.di alles mit dem Blog beim Weltbild-Verlag – vor gerade mal fünf Jahren. Dem Betriebsrat des Verlags reichte das Schwarze Brett nicht mehr aus. Er wünschte sich eine Plattform, auf der er die Beschäftigten informieren kann, die aber auch Raum für Diskussionen liefert. „Die Kollegen dort haben wirklich Pionierarbeit geleistet“, sagt Najda, „und weil alles von Anfang an öffentlich war, haben sie damit eine enorme Schlagkraft entfaltet.“

Das Internet hat die Öffentlichkeit auch für Arbeitnehmervertreter enorm verändert: Während früher Betriebsräte immer erst ein Medium finden mussten, das ihre Botschaft in die Welt trägt, können sie heute über das Internet ganz einfach selbst auf Sendung gehen. Dabei wird jede ihrer Aussagen google­bar. Wer sich etwa als Kunde für die Arbeitsbedingungen bei Amazon oder Weltbild interessiert, kann Informationen im Internet finden – eben weil sich die Betriebsräte die Arbeit mit ihren Blogs gemacht haben.

Öffentlicher Druck schafft mehr Transparenz
Für die Arbeitgeber wird es damit immer schwieriger, schlechte Arbeitsbedingungen, die dem Image des Unternehmens schaden können, vor den Kunden zu verbergen. Gewerkschafter und Betriebsräte hoffen daher darauf, dass der öffentliche Druck letztlich dafür sorgt, dass die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten besser werden.

Bei Amazon sind sich die Kollegen sicher, dass sich die Arbeit lohnt. Schließlich erreiche man die Beschäftigten besser als über das Schwarze Brett. Die Beiträge können sie in Ruhe zu Hause lesen und dann ihre Meinung dazu sagen. Aber vor allem hilft der öffentliche Druck im Kampf um einen Tarifvertrag. „Bei Ikea haben wir 13 Jahre gebraucht“, sagt ver.di-Sekretär Najda. „Ich bin optimistisch, dass es bei Amazon nicht ganz so lange dauert.“ Die Beschäftigten hätten in jedem Fall einen langen Atem. Die Planungen für den nächsten Streik laufen bereits – im Weihnachtsgeschäft werden dann vermutlich die Klickzahlen auf dem Blog wieder in die Höhe schießen.

Den vollständigen Artikel von Andreas Kraft finden Sie im Magazin "Mitbestimmung" der Hans-Böckler-Stiftung, Ausgabe 11/2014.