Tarifpolitik

Viel Druck für mehr gute Tarifverträge

Viel Druck für mehr gute Tarifverträge

Arbeitskämpfe für stärkere Tarifbindung und Digitalisierungstarifverträge
HANDEL Magazin Ausgabe 01/2022 ver.di Handel HANDEL Magazin Ausgabe 01/2022

10. Mai 2022. Leitartikel aus der aktuellen Ausgabe des Magazins HANDEL

Obwohl ver.di im Handel schon vor Monaten neue, bessere Entgelttarifverträge durchgesetzt hat, sorgen bis heute viele aktive Gewerkschaftsmitglieder weiter mit Streiks für öffentliche Aufmerksamkeit. Wichtiges Ziel dabei ist es, tarifflüchtige bzw. tariflose Unternehmen wie beispielsweise Amazon, Douglas und Esprit, aber auch Smyths Toys, TK Maxx, Thalia, Dehner, Dortmunder Logistik Gesellschaft (DLG), Porta und OBI zur Anerkennung der regionalen Flächentarifverträge zu bewegen.

»Wir wollen die Tarifbindung in allen Teilbereichen des Handels nachhaltig stärken, um der Tarifflucht und der dadurch drohenden Altersarmut vieler Beschäftigter einen Riegel vorzuschieben«, so Stefanie Nutzenberger, für den Handel zuständiges ver.di-Bundesvorstandsmitglied. »Dringend notwendig ist auch eine gesetzliche Anpassung, damit die Arbeitgeber nicht länger verhindern können, dass die Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden. Sie müssen ohne Ausnahme für alle gelten.«

Rund um den Internationalen Frauentag und den Equal Pay Day haben sich Anfang März in Nordrhein-Westfalen Beschäftigte aus verschiedenen Betrieben an Streiks und Aktionen beteiligt, bei denen auch Anerkennungstarifverträge und die Beendigung der Lohn- und Gehaltsdiskriminierung von Frauen gefordert wurden. Am 9. März fand vor dem Outlet-Center und der Unternehmenszentrale von Esprit in Ratingen (NRW) eine Kundgebung von streikenden Esprit- und H&M-Beschäftigten statt. Am 26. April wurde erneut mit der Arbeitgeberseite verhandelt und ein Abschluss erzielt. Die Rückkehr des Unternehmens in die Tarifbindung, aus der es sich vor einem Jahr verabschiedet hatte, steht für ver. di ganz oben an (siehe Bericht zur Tarifsituation bei Esprit).

ver.di will der Tarifflucht einen Riegel vorschieben

Ebenfalls im März forderten die Streikenden an mehreren Amazon-Standorten zusätzlich zum Anerkennungstarifvertrag auch einen Gesundheitstarifvertrag, mit dem in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz verbindliche Maßnahmen festgelegt werden sollen. Darüberhinaus will ver.di im Handel neue tarifpolitische Ziele und Schutzmaßnahmen durchsetzen, die durch die technische Entwicklung und den Strukturwandel auf die Tagesordnung gesetzt werden. »Wir stehen vor enormen Umbrüchen und wollen deshalb tarifliche Mindeststandards zugunsten der Kolleginnen und Kollegen vereinbaren«, betont Stefanie Nutzenberger.

Streiks für Tarifverträge zur Digitalisierung

Zuletzt waren am 16. April Ikea-Beschäftigte in fünf Bundesländern aufgerufen, die Forderung nach einem Digitalisierungstarifvertrag mit Arbeits-niederlegungen zu bekräftigen. »Wir wollen Digitalisierung nicht verhindern, sondern mit und für die Beschäftigten gestalten«, so Silke Zimmer, ver.di-Landesfachbereichsleiterin Handel zu den Arbeitsniederlegungen in Nordrhein-Westfalen. Gestreikt wurde in zahlreichen Einrichtungshäusern schon im November, Dezember und März. Bereits in der Entgelttarifrunde 2021 waren in 31 von 54 Filialen Teile der Belegschaft in den Ausstand getreten. Noch lehnt die Unternehmensleitung von Ikea es allerdings ab, mit der Gewerkschaft ver.di zu verhandeln. »Ganz klar, wir brauchen noch mehr Druck“, so Gewerkschaftssekretärin Maren Ulbrich.

Aufgeschlossener ist man inzwischen an der Spitze der Modekette H&M, wo die ver.di-Bundestarifkommission ebenfalls einen Digitalisierungstarifvertrag durchsetzen will. Einer ihrer Slogans lautet „Digitalisierung in unserer Hand!“. Nachdem viele Beschäftigte in mehreren Bundesländern im Vorweihnachtsgeschäft und auch seit Jahresbeginn große Streikbereitschaft gezeigt hatten, willigte die Unternehmensleitung in Verhandlungen ein. Bei der ersten Runde am 31. März stellte ver.di die Ergebnisse einer Beschäftigtenbefragung vor. Die zweite Verhandlung sollte am 2. Mai (nach Redaktionsschluss) stattfinden.

Beschäftigte müssen früh einbezogen werden

Ebenso wie Ikea ist H&M tarifgebunden, die Beschäftigten fordern jedoch in beiden Unternehmen zusätzlich einen Digitalisierungstarifvertrag. Er soll sie an einer nachhaltigen Arbeitsplatzsicherung und der Gestaltung aller digitalen Prozesse im Unternehmen beteiligen – und dies bereits auch in der Planungsphase, wenn Veränderungen in der Arbeitsorganisation anstehen. ver.di kritisiert, dass bei H&M in den letzten vier Jahren über 5.000 Arbeitsplätze abgebaut worden und die Läden stark unterbesetzt sind. Ein künftiger Tarifvertrag soll auch helfen, gemeinsam gesundheitsförderliche Arbeit zu gestalten und er soll einen Anspruch auf Qualifizierung festlegen.

Andreas Hamann


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