Tarifrunden 2021

Die Warnstreiks gehen weiter

Die Warnstreiks gehen weiter

Hunderte Streikende zeigen erneut ihre Willensstärke
Streikende ver.di-Mitglieder in Nürnberg Jaana Hampel Streikende ver.di-Mitglieder in Nürnberg

Nachdem die Arbeitgeberverbände in der letzten Woche Verhandlungstermine unter anderem in Hamburg und Bayern feige abgesagt und eine freiwillige Lohnerhöhung von gerade einmal zwei Prozent ohne jegliche tarifvertragliche Absicherung angekündigt haben, könnte man meinen, die Beschäftigen im Einzel- und Versand sowie im Groß- und Außenhandel blieben enttäuscht und entmutigt zurück. Doch wer das behauptet, kennt ver.di und die starken Kolleginnen und Kollegen im Handel nicht! Der Vorstoß der Unternehmen zeigt schlussendlich, dass der Druck der Streikenden wirkt und die Kapitalseite erhofft hatte, den Arbeitskampf mit einer marginalen Erhöhung auszubremsen. Falsch gedacht! Von diesem immensen Fehltritt geradezu angestachelt, organisierten sich diese Woche hunderte Streikende erneut und demonstrierten ihre Willensstärke.

Die Streiklaune bleibt ungebremst

Mit Arbeitsniederlegungen lehnten sich die Beschäftigten landesweit gegen die inakzeptablen oder gar nicht erst vorhandenen Angebote der Unternehmensseite auf. In Baden-Württemberg waren am 10. und 12. Juli im Einzel- und Versandhandel die Beschäftigten von 60 Betrieben, darunter Kaufland, H&M, Zara und Esprit sowie Obi, zu einem eintägigen Warnstreik aufgerufen. Am 13. Juli protestierten insgesamt 200 Beschäftigte von Kaufland, H&M, Primark sowie von Esprit bei einem ganztägigen Streik. Zusätzlich gab es am 17. Juli auf dem Schillerplatz in Stuttgart eine Kundgebung mit zahlreichen Unterstützerinnen und Unterstützern.

Der Versand-, Buch- und Einzelhandel in Hamburg musste am 15. Juli dran glauben. Das Buchgeschäft war von den Corona-Beschränkungen im Einzelhandel teilweise ausgenommen. Für Unternehmen wie Thalia war das profitabel, für die Beschäftigten bedeutete es zusätzliche Belastungen. Grund genug, ihnen jetzt mehr Lohn zuzugestehen.

In Chemnitz zeigten sich die Kollegen und Kolleginnen des Landesbezirks Sachsen-Sachsen-Anhalt-Thüringen, kurz SAT, streiklustig und legten am 13. Juli die Arbeit beim Edeka Foodservice nieder. Die Stimmung war so gut, dass die Kunden und Kundinnen vom Chef persönlich bedient wurden. Am 15. Juli ging es bei Ikea in Dresden rund.

Für die Niedersachsen und Niedersächsinnen bei H&M in Oldenburg und Primark in Hannover war am Samstag, dem 10.Juli, Streiktag statt Arbeitstag. Bei Letzteren kam es zum Eklat, als dem ver.di-Gewerkschaftssekretär Sebastian Triebel ein Hausverbot erteilt wurde. Begründet wurde dies auch auf Nachfrage nicht. Streik ist ein Grundrecht. Eine Maßregelung per Hausverbot ohne Anlass ist unnötig, unprofessionell und undemokratisch. Die Streikteilnehmenden verdienen Respekt für ihre Courage.

Am 10. Juli versagte in Kaiserslautern zwar der mobile Lautsprecher, doch die Streikenden vor H&M und Primark waren laut und deutlich: Sie wollen keine "Verbandsempfehlung", sie wollen eine Tariferhöhung.

Auch in Bayern wurden die Streikaktionen noch einmal verstärkt: Am 15. Juli streikten 35 Betriebe des Einzel- und Versandhandels sowie des Groß-und Außenhandels darunter Alliance Healthcare, Bauhaus, Edeka, H&M, Hoffmann, Kaufland, Marktkauf, Massimo Dutti, Metro, netto und Zara. Von der Arbeitsniederlegung in Zentrallägern von Lidl waren viele Regionen in Bayern betroffen. „Die Absage des Verhandlungstermins im bayerischen Groß- und Außenhandel hat die Beschäftigten richtig auf die Palme gebracht. Sie haben den Eindruck, dass ihre hervorragende Arbeit während der Pandemie von den Arbeitgebern bei den Tarifverhandlungen völlig ignoriert wird. Schließlich haben unsere Kolleginnen und Kollegen die Republik am Laufen gehalten,“ betont Thomas Gürlebeck, ver.di Verhandlungsführer im Großhandel und Streikleiter in München. „Einige Arbeitgeber versuchen mit allen möglichen Mitteln die Beschäftigten vom Streik abzuhalten, aber der Mut unserer Kolleginnen und Kollegen ist schon außergewöhnlich“, zeigte sich Jaana Hampel, ver.di Streikleiterin in Mittelfranken, beeindruckt.

Kompromiss mehr Erholungszeit bringt auch kein Durchbruch in NRW

Trotz des landesweiten Drucks konnte am 15. Juli erneut keine Einigung für die rund 502.000 sozialversicherungspflichtig und 197.000 geringfügig Beschäftigten im nordrhein-westfälischen Einzelhandel erzielt werden. Auf Wunsch der Beschäftigten, schlugen wir der Kapitalseite vor, Teile einer möglichen Entgelterhöhung für einen definierten Zeitraum in Freizeit umzuwandeln. Im Klartext heißt das: mehr Erholungstage jetzt und eine Entgelterhöhung zu einem späteren Zeitpunkt. Ein sinnvolles Vorgehen, um die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen und ihnen mehr Arbeitszeitsouveränität zu bieten, doch auch das lehnen die Unternehmen ab. „Wir haben gehofft, dass die Arbeitgeber nun endlich mit uns in Richtung Abschluss gehen. Die Beschäftigten verzichten inzwischen im 3. Monat auf die so dringend benötigte Entgelterhöhung. Wie lange soll das noch so weitergehen? Die Arbeitgeber haben eine soziale Verantwortung, der sie derzeit nicht nachkommen“ sagt ver.di-Verhandlungsführerin Silke Zimmer.

Die Arbeitgeberverbände haben unsere gemeinsamen Forderungen gehört! Jetzt liegt es an ihnen zu begreifen, wie ernst es uns ist. Wir legen die Geschäfte weiter still. Denn: Ohne uns kein Handel! 


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