Tarifrunden 2021

Vor einem heißen Sommer

Vor einem heißen Sommer

Tarifrunden im Handel: Nach enttäuschenden „Angeboten“ steigt der Druck auf die Unternehmen
Streikende am 4. Juni 2021 vor Kaufland in Gera ver.di Handel SAT Streik bei Kaufland in Gera

7. Juni 2021. Im Einzel- und Versandhandel wie im Groß- und Außenhandel gehen die Tarifverhandlungen weiter, und in allen Bundesländern ist sichtbar: Die Unternehmen verweigern den Beschäftigten die Wertschätzung, die sie verdient haben. Die von den Arbeitgeberverbänden vorgelegten Angebote sind „unterirdisch und für uns keine Verhandlungsgrundlage“, wie es der Fachbereichsleiter Handel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (SAT), Jörg Lauenroth-Mago, kommentiert. „Völlig indiskutabel!“, heißt es auch aus Hamburg. „Die Beschäftigten sollen für 2021 keine Entgelterhöhung erhalten, obwohl die Umsätze im letzten Jahr um 1,8 Prozent gestiegen sind. Auch in diesem Jahr muss es eine deutliche tabellenwirksame Erhöhung geben und zwar für alle Beschäftigten – je früher, desto besser, denn die Preise steigen seit Jahresbeginn wieder kräftig“, erklärte ver.di-Verhandlungsführerin Heike Lattekamp.

Die Arbeitgeber reagieren allergisch, wenn sie bei Tarifverhandlungen plötzlich mit Beschäftigten direkt konfrontiert werden.

Bernhard Schiederig, ver.di Hessen

Belegschaften zu Besuch

Dass die Beschäftigten nicht nur statistische Größen, sondern echte Menschen mit Familien und persönlichen Geschichten sind, müssen die Unternehmer*innen anscheinend immer wieder lernen. Auch in Hessen sollten die Beschäftigten nach dem abgenutzten Motto „Geiz ist geil“ abgefrühstückt werden. „Deshalb haben wir die zweite Tarifverhandlung mit einer für Arbeitgeber seltenen Erfahrung eines Besuchs aus den Belegschaften bereichert,“ berichtet Bernhard Schiederig, ver.di-Verhandlungsführer für den hessischen Einzel-und Versandhandel. „Die Arbeitgeber reagieren allergisch, wenn sie bei Tarifverhandlungen plötzlich mit Beschäftigten und ihren Forderungen direkt konfrontiert werden.“

Streikende bei Marktkauf in Mögeldorf Jaana Hampel Streikende bei Marktkauf in Mögeldorf

In immer mehr Bundesländern treten die Beschäftigten lautstark für ihre Forderungen ein. Gestreikt wurde unter anderem bei der Metro in Hamburg. In Nordrhein-Westfalen legten letzte Woche über 800 Streikende aus mehr als 40 Betrieben ihre Arbeit nieder. In SAT wurde bei Edeka, Kaufland und Netto demonstriert. Bei Ikea und Marktkauf in Niedersachsen wurde ebenfalls die Arbeit gestoppt. Die Kolleg*innen in Bayern weiten ihre Streikaktionen aus, und auch Baden-Württemberg zeigte sich in mehreren „aktiven Mittagspausen“ streikbereit.

Systemrelevanter geht es kaum noch!

Die Beschäftigten im Pharmagroßhandel kommissionieren die Impfstoffe für die Lieferung an die Arztpraxen. Systemrelevanter geht es kaum noch!

Franziska Foullong, ver.di Berlin-Brandenburg

In Berlin und Brandenburg haben Warnstreiks im Pharmagroßhandel und bei Bofrost begonnen. „Noch nie war die Lohnungerechtigkeit in der Branche so deutlich wie in der jetzigen Zeit.“, sagt Franziska Foullong, die ver.di-Verhandlungsführerin für Berlin und Brandenburg. „Die Beschäftigten im Pharmagroßhandel kommissionieren die Impfstoffe für die Lieferung an die Arztpraxen. Systemrelevanter geht es kaum noch! Das Angebot der Arbeitgeber zeigt, dass unsere Botschaft noch nicht bei ihnen angekommen ist. Da hilft nur Druck aus den Betrieben.“

„Bei Bofrost geht es den Beschäftigten darum, endlich nach Flächentarif bezahlt zu werden. Bofrost hingegen hält an seinem ‚verdrehten‘ Modell fest, wonach die umsatzabhängige Provisionszahlung den Löwenanteil des monatlichen Gehalts ausmacht. Das Unternehmen wälzt damit das volle Risiko auf seine Beschäftigten ab! Offensichtlich ist am Verhandlungstisch alleine keine Lösung zu erreichen. Deshalb treten die Beschäftigten in den Streik“, ergänzt Landesfachbereichsleiterin Conny Weißbach.

Das zeigt: Was bisher in den Tarifverhandlungen von den Unternehmen angeboten wurde, spiegelt nicht im Geringsten wider, was die Beschäftigten im Handel während der Pandemie geleistet haben und immer noch leisten. Wenn sich das nicht ändert, stehen wir vor einem heißen Sommer.


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