Tarifrunden 2021

Es ist möglich!

Es ist möglich!

Während die Arbeitgeberverbände mauern, geht Naturkost Elkershausen mit gutem Beispiel voran
Streikkundgebung von Handelsbeschäftigten aus Berlin und Brandenburg am 23. Juli 2021 auf dem Breitscheidplatz in Berlin ver.di Handel Berlin-Brandenburg Streikende am 23. Juli 2021 in Berlin

26. Juli 2021. Mit guten Nachrichten geht es in die neue Woche der Tarifrunde Handel: Es gibt einen ersten Abschluss – allerdings zunächst nur für die ca. 150 Beschäftigten bei Naturkost Elkershausen. Mit dem Bio-Lebensmittel-Großhändler aus Göttingen konnten wir neue Entgelte vereinbaren. Die Einigung sieht rückwirkend zum 1. Juni 2021 für die Dauer von zwölf Monaten eine tabellenwirksame Erhöhung aller Löhne und Gehälter um jeweils 130 Euro vor. Die Auszubildenden bekommen ab dem 1. August 60 Euro monatlich mehr ins Portemonnaie.

„Das Unternehmen Naturkost Elkershausen zeigt sich als mittelständisches Unternehmen mit dem Abschluss vorbildlich und wertschätzend für die Beschäftigten“, lobt ver.di-Verhandlungsführerin Sandra Schmidt. „Dagegen tragen die Arbeitgeber im Groß- und Außenhandel Niedersachsen vermeintliche ‚Verlierer‘ der Covid-19-Pandemie in ihren Reihen als Schutzschild vor sich her. Damit enthalten sie den Beschäftigten im Groß- und Außenhandel eine tarifliche und angemessene Entgelterhöhung vor, sie spielen auf Zeit“, kritisiert Schmidt. „Andere Arbeitgeber, besonders die Gewinner der Krise wie Edeka, sollten sich an Naturkost Elkershausen ein Beispiel nehmen.“

Das Beispiel aus Göttingen zeigt, dass ein wertschätzender Tarifabschluss für die Beschäftigten im Groß- und Außenhandel ebenso wie im Einzel- und Versandhandel möglich ist. Zur Erinnerung: ver.di fordert für die Branche 4,5 Prozent und 45 Euro mehr Lohn, Gehalt und Ausbildungsvergütung bei einer Laufzeit von 12 Monaten, ein Mindestentgelt von 12,50 Euro pro Stunde sowie die gemeinsame Beantragung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge.

Freitag ist Streiktag

Die Arbeitgeberverbände mauern jedoch, deshalb setzen die Beschäftigten ihre Aktionen fort. So am vergangenen Freitag, 23. Juli: Am Großstreiktag gingen in NRW die Kolleginnen und Kollegen von Primark, H&M und TK Maxx auf die Straße. In Baden-Württemberg wurde die Alliance Healthcare zum zweiten Mal bestreikt. In Bayern stand bei Kaufland in Moosburg die Arbeit still. Und in Hannover demonstrierten rund 200 Beschäftigte des Einzelhandels aus ganz Niedersachsen in der Innenstadt. Auch in Berlin und Brandenburg waren zahlreiche Unternehmen von Streikaktionen betroffen. „Die Tarifverhandlungen gestalten sich nicht nur in Berlin-Brandenburg äußerst zäh, auch in den anderen Bundesländern kommen die Verhandlungen nicht voran. Die Arbeitgeber haben bislang kein Angebot gemacht. Das ist nicht akzeptabel. Vor allem in der Pandemie haben viele Unternehmen sehr gute Umsätze gemacht. Und daran haben die Beschäftigten einen gewichtigen Anteil. Wir erwarten daher eine faire Tariferhöhung, die auch das Engagement der vielen Beschäftigten in der Krise honoriert“, so ver.di-Landesbezirksleiter Frank Wolf.

Mit Schirm, Charme und Streikhund: Beschäftigte von Zara und Norma am 22. Juli 2021 in Regensburg ver.di Handel Bayern Mit Schirm, Charme und Streikhund: Beschäftigte von Zara und Norma am 22. Juli 2021 in Regensburg

Im nordrhein-westfälischen Großhandel stand die Arbeit außerdem am 19. Juli bei Sonepar in Holzwickede und am 22. Juli im Edeka-Lager in Hamm still. „Edeka liebt Lebensmittel? Wir lieben Tarifverträge!“ war das Motto. In NRW war es in der Vorwoche auch in der vierten Runde zu keiner Einigung gekommen, obwohl die Beschäftigten kompromissbereit vorgeschlagen hatten, dass Teile einer möglichen Entgelterhöhung für einen bestimmten Zeitraum in Freizeit umgewandelt werden können. Die Unternehmen bleiben weiter stur bei ihrem „freiwilligen Orientierungsrahmen“, der erst nach zwei Nullmonaten eine magere Erhöhung um zwei Prozent vorsieht und die Option auf eine Einmalzahlung in Höhe von 300 Euro offenhält. Diese freiwillige, jederzeit widerrufbare Zahlung ohne Rechtsanspruch, bedeutet einen Reallohnverlust. Das ist alles andere als eine Verbesserung für die Kollegen und Kolleginnen. „Das Verhalten der Arbeitgeber gegenüber den Beschäftigten ist respektlos und nicht hinnehmbar. Sie spielen lieber auf Zeit, statt den Beschäftigten die dringend benötigten Entgelterhöhungen zu zahlen“, sagt Reiner Kajewski, Gewerkschaftssekretär für den Handel in Dortmund.

Fette Streiks sind besser als magere Löhne

ver.di Handel Baden-Württemberg

Der erste Streik in den drei Douglas-Filialen in Würzburg und Aschaffenburg sorgte für so viel Trubel, dass zwei Filialen erst gegen 11.30 Uhr geöffnet werden konnten. Eine weitere Streikpremiere gab es beim REWE-Lager in Buttenheim. Am 21. Juli wurde in Bayern außerdem bei der Hoffmann Group Odelzhausen lautstark demonstriert. Unterstützt wurden die Kollegen und Kolleginnen von den Belegschaften der Lidl-Zentrallager Anzing und Graben sowie von H&M, Massimo Dutti und Zara aus Augsburg und München. Rund 80 Beschäftigte des Kaufland-Fleischwerks in Möckmühl ließen am 21. Juli das Schnitzel mal Schnitzel sein und folgten dem Streikaufruf von ver.di. Denn fette Streiks sind besser als magere Löhne, schrieb ver.di Baden-Württemberg auf ihrer Facebook-Seite dazu.

Im Vorfeld der dritten Tarifrunden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verliehen die Kollegen und Kolleginnen ihren Forderungen ebenfalls lauthals Nachdruck. Am Donnerstag, 22. Juli, wurden in weiten Teilen Thüringens unter anderem Kaufland, Netto und Edeka bestreikt. Unter dem Motto „Ohne Tarife gehen wir baden!“ trafen sich einige Streikende in Seeburg am Süßen See (Halle). 200 Streikende fanden sich in Erfurt zusammen. „Am 28. Juli 2021 werden die Tarifverhandlungen für die 280.000 Verkäuferinnen und Verkäufer fortgesetzt. Bis dahin werden wir nochmals in verschiedenen Teilen Mitteldeutschlands zum Streik aufrufen. Beifall allein reicht nicht. Das bisherige Angebot der Arbeitgeber ist völlig unzureichend“, sagt der ver.di-Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago. Für die rund 18.000 Beschäftigten im Groß- und Außenhandel und im genossenschaftlichen Großhandel in Sachsen-Anhalt geht es am 29. Juli in die dritte Verhandlungsrunde. Was die Beschäftigten des Edek- Lagers Landsberg hier erwarten, machten sie am 21. Juli noch einmal beim Warnstreik deutlich.

In Seeburg (Mansfelder Land) haben sich am 22.0721 streikende Kolleginnen und Kollegen von Netto und von Kaufländern aus Zeitz zu einer Aktion im Rahmen der laufenden Tarifrunde getroffen. „Ohne Tarif gehen wir Baden“ war unser Motto. Wir machen damit Druck in der laufenden Tarifauseinandersetzung ver.di Handel SAT Ohne Tarif gehen wir baden: Streikende am 22. Juli 2021 in Seeburg

Vorweganhebungen in Sachsen: Ein Schelm wer Böses dabei denkt

In Sachsen kam es parallel zu einem Schnellschuss von Edeka in Berbersdorf, wo eine tariflose Vorweganhebung von bis zu 65 Euro und eine Einmalzahlung von 500 Euro angekündigt wurden. Solange diese Versprechen jedoch nicht in einem Tarifvertrag festgeschrieben sind, sind sie jederzeit widerrufbar. Dieser Schritt zeugt von Angst vor weiteren Streiks und ist ein billiges Mittel, um die Beschäftigten zu spalten.

Die Unternehmen nutzen die Krise als Ausrede, um keine Entgelterhöhungen vornehmen zu müssen. Doch die meisten Handelsbereiche haben satte Gewinne eingefahren, und auch für die Unternehmen, denen es derzeit nachweislich schlecht geht, sind wir als ver.di gerne bereit, gemeinsam Lösungen zu finden.

Bleibt mutig. Bleibt stark. Bleibt unbeugsam. Ihr habt für eure harte Arbeit eine entsprechende existenzsichernde Entlohnung verdient. Nehmt jetzt keine halbherzigen Versprechen der Kapitalseite an. Nur ein von eurer Gewerkschaft ausgehandelter Tarifvertrag gibt langfristige Sicherheit und Verbesserungen.


  Immer noch nicht Mitglied bei ver.di?

  Dann aber los jetzt - denn gemeinsam sind wir stärker!