Tarifrunden 2021

Wir sind stinksauer!

Wir sind stinksauer!

Abgesagte Verhandlungen und einseitige Lohnfestsetzung machen Beschäftigte wütend
Aus Gotha zur Streikkundgebung nach Leipzig: Kaufland-Kolleginnen am 9. Juli 2021 André Scheer Streikende Kaufland-Kolleginnen am 9.Juli 2021 in Leipzig

Bei den Tarifverhandlungen im Handel geht es bisher kaum voran, weil die Unternehmer im Einzel- und Versandhandel wie im Groß- und Außenhandel bisher keine konstruktiven Vorschläge unterbreitet haben. Am vergangenen Dienstag veröffentlichte der HDE (Handelsverband Deutschland) dann auch noch einen Vorschlag, der an Unverschämtheit kaum zu überbieten ist: In einem „Orientierungsrahmen für freiwillige Entgelterhöhungen“ empfiehlt der HDE seinen Mitgliedsunternehmen, die bisherigen Tariflöhne „freiwillig“ um gerade einmal zwei Prozent und erst nach mehreren Nullmonaten zu erhöhen. Das bleibt sogar noch hinter der für 2021 prognostizierten Inflationsrate zurück. Einen Tag später legten die Unternehmer im Großhandel nach – und verschärften die Provokation sogar noch. Die Kolleginnen und Kollegen sollen sogar bis Dezember auf die magere Erhöhung warten. Darüber hinaus wurden Verhandlungstermine abgesagt –  ein respektloses Vorgehen gegenüber denen, die im letzten Jahr noch als Held*innen beklatscht wurden.

Die Beschäftigten werden keinen Tarifabschluss akzeptieren, der einen realen Lohnverlust bedeutet und Beschäftigte aus pandemiebetroffenen Unternehmen bei der Tariferhöhung abhängt.

Heike Lattekamp, ver.di Hamburg

Heike Lattekamp, ver.di-Landesfachbereichsleiterin in Hamburg, kritisierte den Vorstoße des HDE scharf: „Mit diesem Versuch einer einseitigen Lohnfestsetzung zündelt der HDE in der laufenden Tarifrunde. Das ist eine klare Provokation. Die Beschäftigten werden keinen Tarifabschluss akzeptieren, der einen realen Lohnverlust bedeutet und Beschäftigte aus pandemiebetroffenen Unternehmen bei der Tariferhöhung abhängt.“

Wohin die Blockadehaltung der Kapitalseite führen soll, ist fraglich. Die Kolleg*innen sind entschlossener denn je, solidarisch für ihre Ansprüche zu kämpfen. Die Unternehmer werden die Streiks bitter zu spüren bekommen, wenn sie vor leeren Regalen und geschlossenen Filialen stehen. Und das könnte bald der Fall sein, denn die Streiks gehen weiter: Am Mittwoch zeigten über 1.500 Beschäftigte aus 130 Betrieben mit einem ganztägigen Warnstreik in Dortmund ihre Entschlossenheit.

 

In beiden Branchen des nordrhein-westfälischen Handels liegen in der vierten Runde immer noch kein akzeptables Angebot vor. „Wenn die Beschäftigten jetzt streiken, dann tun sie das aus purer Not, denn sie müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das gilt besonders für Beschäftigte, die aufgrund von Kurzarbeit mit bis zu 40 Prozent weniger Gehalt auskommen mussten und nicht wussten, wie sie zum Beispiel steigende Mieten bezahlen sollen.“, sagt ver.di-Verhandlungsführerin Silke Zimmer. Unter den Streikenden waren unter anderem Kolleg*innen der Betriebe Saturn, Bofrost, Handelshof, Kaufland und Phoenix.

Am Freitag gingen dann in Leipzig rund 600 Beschäftigte aus zahlreichen Handelsunternehmen trotz strömendem Dauerregen auf die Straße, um ihre Forderungen zu bekräftigen. Unter ihnen waren Kolleginnen und Kollegen von Amazon, die seit 2013 im Arbeitskampf für die Anerkennung der Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels stehen und erneut in den Streik getreten sind. Zum Streik aufgerufen waren außerdem Beschäftigte von Kaufland, Edeka, netto, IKEA, Aldi, H&M und der Otto-Tochter Hermes Fulfillment aus Haldensleben. In einer Pressemitteilung unterstrich der ver.di-Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen (SAT): „Von der Corona-Pandemie sind alle unterschiedlich betroffen. Während die Unternehmen exorbitante Umsatzsteigerungen bewältigen mussten, wurden die Beschäftigten von Einkommensverlusten durch Kurzarbeit und ständiger Abrufbereitschaft extrem belastet. Lohneinbußen sind unzumutbar und abzulehnen, eine Zweiklassengesellschaft im Handel wird es mit uns nicht geben.“ Seit Freitag vergangener Woche werden im Thüringer Einzelhandel Betriebe wie Kaufland in Suhl durchgehend bestreikt. Am 6. Juli schloss sich Bofrost in Sachsen erstmalig den Warnstreiks an, bei Ikea in Sachsen wurde am 8. Juli gestreikt.

Fest entschlossen und vereint

Am Freitag waren auch Beschäftigte im Groß- und Außenhandel in Brandenburg erneut zu einem Warnstreik aufgerufen. Betroffen waren u.a. das REWE Lager Oranienburg sowie die Bofrost-Standorte Blankenfelde-Mahlow, Ahrensfelde-Blumberg, Velten und Cottbus. Zentraler Streikort war das Rewe-Lager in Oranienburg. „Die Beschäftigten bei Bofrost fordern, endlich nach Flächentarif bezahlt zu werden. Bofrost hingegen zahlt den Löwenanteil des Gehalts in einem intransparenten System umsatzabhängig aus. Die Fahrerinnen und Fahrer und Kundenbetreuer brauchen ein existenzsicherndes Grundgehalt nach Tarif. Das verweigert das Unternehmen. Da keine Lösung auf dem Verhandlungsweg zu erzielen ist, wird gestreikt, um den Druck zu erhöhen“, sagt ver.di-Verhandlungsführerin Conny Weißbach.

Streikende Beschäftigte von Zara am 8. Juli 2021 vor dem Gewerkschaftshaus in Regensburg ver.di Handel Bayern Streikende Zara-Kolleginnen am 8. Juli 2021 in Regensburg

Die Streiks im bayerischen Einzel- und Versandhandel sowie im Groß-und Außenhandel gingen diese Woche ebenfalls weiter und lösten Lieferengpässe aus. Zum Streik waren die Beschäftigten von Douglas, Edeka in Asbach-Bäumenheim und Monheim, H&M in Augsburg, Lindau, München und Rosenheim, Hofmann in Odelzhausen, Ikea Taufkirchen, die Lidl Zentralläger in Anzing und Graben bei Augsburg, Massimo Dutti in München, Media Markt in Rosenheim, Metro in Neu-Ulm, Stahlgruber Zentrallager in Sulzbach-Rosenberg und Zara in Augsburg und München aufgerufen. Einige von ihnen sind schon seit einigen Tagen im Streik.

Am 7. Juli gab es einen großen Streik- und Aktionstag in der Landesgruppe Hessen in Frankfurt. Ebenfalls am 7. Juli waren die Beschäftigten von Bäko in Stuttgart-Weilimdorf zum eintägigen Warnstreik aufgerufen. Zuvor gingen am 5. Juli in Mannheim die Kolleg*innen zweier Kaufland-Filialen, Ikea in Walldorf und zweier H&M-Filialen sowie die Beschäftigten von drei Edeka-Lagerstandorten in Ellhofen, Offenburg und Balingen ganztägig auf die Straße. In Hamburg ist am 9. und 10. Juli Streiktag bei H&M Logistik. Und der Landesbezirk Rheinland-Pfalz-Saarland plant eine große Demo am 10. Juli in Kaiserslautern.

Willkommen zur Party

Auch für den Landesbezirk Nord haben die Verhandlungen nun endlich begonnen. Am Montag, dem 5. Juli, fand die erste Tarifverhandlung für die rund 35.000 Beschäftigten im Groß- und Außenhandel und am 6. Juli für den die rund 90.000 Beschäftigten im Einzelhandel in Schleswig-Holstein statt. Auch hier knappst die Kapitalseite rum, eine Einigung ist nicht in Sicht.

Doch ob im Norden oder im Süden: Wir lassen uns nicht billig abspeisen! Die Beschäftigten dürfen für ihren Einsatz in den vergangenen Monaten nicht mit Reallohnverlusten bestraft werden. Solange die Unternehmen nicht anerkennen, dass es ohne uns keinen Handel gibt, geht der Arbeitskampf weiter.


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