Tarifrunden 2021

„Zusammen sind wir unerträglich!“

„Zusammen sind wir unerträglich!“

Keine Sommerpause in der Tarifrunde: Unternehmer blockieren, Beschäftigte streiken
Streikposten Ende Juli 2021 bei Lekkerland in Bobenheim-Roxheim ver.di Handel Streikposten bei Lekkerland in Bobenheim-Roxheim

3. August 2021. Eine weitere Woche der Tarifrunden im Einzel- und Versandhandel sowie Groß- und Außenhandel liegt hinter uns, und das Verständnis der Beschäftigten für die Haltung der Unternehmen ist im Keller. Am Mittwoch, 28. Juli, wurde in Mitteldeutschland eine weitere Runde der Tarifverhandlungen ergebnislos beendet, ebenso am Tag darauf, dem 29. Juli, in Bayern. Die dortige ver.di-Tarifkommission hat die Verhandlungen daraufhin für gescheitert erklärt.

Wie bereits in Nordrhein-Westfalen hat ver.di auch in Bayern zur Lösung des Tarifkonflikts den Kompromissvorschlag unterbreitet, dass Teile einer möglichen Entgelterhöhung zeitlich befristet in Freizeit umgewandelt werden können. Dies hätte den Beschäftigten mehr Arbeitszeitsouveränität geboten, darüber hinaus einen Beitrag zum Gesundheitsschutz geleistet und den Unternehmen die von ihnen geforderte finanzielle Entlastung gebracht. Doch die Kapitalseite verweigert weiter jegliches Entgegenkommen. Alternativvorschläge? Fehlanzeige!

Von Respekt und Wertschätzung für die hervorragende Arbeit keine Spur. Damit bleibt uns nur, den Druck in den Betrieben noch zu vergrößern, um zu einer Lösung zu kommen.

Hubert Thiermeyer, ver.di-Verhandlungsführer in Bayern

„Die Beschäftigten haben im bayerischen Einzelhandel Rekordumsätze erwirtschaftet und die Arbeitgeber haben ihnen Reallohnverlust angeboten, welche die drohende Altersarmut noch vergrößert. Von Respekt und Wertschätzung für die hervorragende Arbeit keine Spur. Mit unserem Lösungsvorschlag haben wir einen Weg zu einem fairen Tarifabschluss aufgezeigt, den der Arbeitgeberverband aber nicht gehen will. Stattdessen empfiehlt er seinen Betrieben freiwillige Entgelterhöhungen unterhalb der Preissteigerung. Damit bleibt uns nur, den Druck in den Betrieben noch zu vergrößern, um zu einer Lösung zu kommen“, erklärte Hubert Thiermeyer, ver.di-Verhandlungsführer in Bayern. 

„Ich habe kein Verständnis für die ablehnende Haltung der Arbeitgeber. Seit 18 Monaten würdigen Politik und Arbeitgeber die Leistung der Verkäuferinnen und Verkäufer, doch bei den Tarifverhandlungen bewegen sie sich nicht. Wir werden die nächsten Wochen bis zum nächsten Verhandlungstermin nicht abwarten, sondern zu weiteren Streiks aufrufen. Die Beschäftigten sind sauer und streikbereit. Applaus allein reicht nicht“, so auch der ver.di-Verhandlungsführer für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Jörg Lauenroth-Mago.

So stark und solidarisch wie noch nie

Da die Kapitalseite unsere Forderungen noch immer nicht hören will, sorgten die Beschäftigten im Handel auch in den vergangenen Tagen wieder für leere Regale und geschlossene Filialen. Die Pläne der Unternehmen, die Kolleginnen und Kollegen durch freiwillige oder Vorweganhebungen zu spalten, gingen nach hinten los: Eine ganz neue Welle der Solidarität unter den Beschäftigten vereint das Lager der Streikenden so stark wie nie zuvor in dieser Tarifrunde.

Ohne uns kein Geschäft: Streikende Kolleginnen und Kollegen am 30. Juli 2021 vor dem Hilton in Mainz, in dem die Tarifverhandlungen für Rheinland-Pfalz stattfanden Guido Kühnemund Ohne uns kein Geschäft: Klares Signal vor dem Verhandlungsort in Mainz

Los ging es am Montag, 26. Juli, in Burgstädt, wo Beschäftigte von Kaufland und Netto aus Chemnitz-Erzgebirge und Vogtland-Zwickau zusammenkamen. Kolleginnen und Kollegen von Kaufland-Betrieben trafen sich auch in Thüringen vor dem Einkaufscenter Gera-Arcaden zu einer Streikversammlung. Die Kolleginnen und Kollegen des Lekkerland-Logistikzentrums in Bobenheim-Roxheim waren am selben Tag schon seit morgens um 2.30 Uhr im Ausstand und wurden ab 6.30 Uhr von der Belegschaft der Alliance Health Ludwigshafen verstärkt. Vom 26. auf den 27. Juli waren zudem gleich drei Schichten bei Edeka Lanau in Niedersachsen im Streik.

Am Dienstag ging es auch für drei Südthüringer Kaufland-Filialen vor dem Markt in Hildburghausen mit einer Streikkundgebung weiter. Zeitgleich setzten die Kolleginnen und Kollegen von Galeria Karstadt Kaufhof in Nürnberg ein deutliches Zeichen gegen Altersarmut und für Wertschätzung und Respekt beim Gehalt. In Berlin und Brandenburg waren ebenfalls am Dienstag die Beschäftigten beim Phoenix Pharmahandel, bei der Alliance Healthcare Deutschland, bei Sanacorp in Potsdam sowie an den vier Bofrost-Standorten Ahrensfelde, Velten, Mahlow und Cottbus gemeinsam im Streik.

Streikdemonstration in Erching am 30. Juli 2021 ver.di Handel Bayern Streikdemonstration in Erching

„Zusammen sind wir unerträglich!“ hieß es am Mittwoch bei einer Streikaktion von Beschäftigten bei Ikea, Lidl, Stahlgruber, Media Mark, H&M, Massimo Dutti und Zara im Gewerbegebiet Eching. Und am Donnerstag trafen sich in NRW die Kolleginnen und Kollegen von Kaufland Marl-Hüls und Kaufland Troisdorf mit starker Unterstützung durch ihre Nachbarfilialen sowie Kundinnen und Kunden zum Arbeitskampf.

Am Freitag, 30. Juli, legten die Belegschaften von Ikea Dortmund, Marktkauf Gelsenkirchen und Kaufland Castrop-Rauxel die Arbeit nieder. Auch hier konnten die Kolleginnen und Kollegen auf Solidarität zählen und wurden von Streikenden der Kaufland Filiale Dortmund-Bornstraße unterstützt.

Bisher spielen die Arbeitgeberverbände auf Zeit und halten stur an ihren einseitigen Lohndiktaten fest. Doch mit jeder neuen Enttäuschung rücken wir noch stärker zusammen. Was „systemrelevant“ für die Unternehmen bedeutet? Wir lassen sie es spüren – bis zum Tarifabschluss!


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