Tarifrunden 2021

Keine Streikpause bis zum Tarifabschluss

Keine Streikpause bis zum Tarifabschluss

Von Mode bis Pharma: Die Beschäftigten lassen sich nicht spalten
Streikende Beschäftigte von H&M und Zara am 18. Juni 2021 in Augsburg Sylwia Lech Streikende am 18. Juni 2021 in Augsburg

22. Juni 2021. Eine weitere Woche Tarifverhandlungen liegt hinter uns. Vereint und unnachgiebig setzen sich die Kolleg*innen im Einzel- und Versandhandel wie im Groß- und Außenhandel für ihre Forderungen nach einer Lohnsteigerung von 4,5 Prozent plus 45 Euro bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, einem Mindeststundenlohn von 12,50 Euro und die gemeinsame Beantragung der Allgemeinverbindlichkeitserklärung (AVE) der ausgehandelten Tarifverträge ein.

Streiks werden ausgedehnt

Keine Ruhe herrscht auch im ver.di-Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (SAT). Dort legten am 15. Juni erneut Beschäftigte aus sieben Märkten die Arbeit nieder. Neben Ikea Erfurt, wo es auch eine große Kundgebung gab, wurden mehrere Kaufland-Betriebe bestreikt, über 120 Beschäftigte beteiligten sich daran. Am 18. Juni wurde der Arbeitskampf auf Netto und Hermes Fulfillment ausgeweitet.

Auch Beschäftigte, deren Geschäfte pandemiebedingt zeitweise geschlossen waren, benötigen gerade jetzt eine tabellenwirksame Erhöhung der Gehälter und den Schutz durch Tarifverträge.

Silke Zimmer, ver.di NRW

In Nordrhein-Westfalen ging es in der vergangenen Woche vor allem Filialen in den Innenstädten sowie Möbelhäusern an den Kragen. In Dortmund kamen am Mittwoch, 16. Juni, Beschäftigte von Ikea, Saturn, Smyths Toys, Galeria Karstadt Kaufhof und Saturn zu einer zentralen Streikkundgebung zusammen. Einen Tag später versammelten sich die Kolleginnen und Kollegen aus 20 Betrieben des Groß- und Außenhandels zu einer Demonstration in der Bochumer Innenstadt. „Die Beschäftigten haben auf der Straße und vor den Betrieben deutlich gezeigt, was sie vom bisherigen Angebot der Arbeitgeber halten“, erklärte ver.di-Verhandlungsführerin Silke Zimmer. „Die Geduld der Menschen ist am Ende. Auch Beschäftigte, deren Geschäfte pandemiebedingt zeitweise geschlossen waren, benötigen gerade jetzt eine tabellenwirksame Erhöhung der Gehälter und den Schutz durch Tarifverträge.“

Vor der dritten Verhandlungsrunde in Baden-Württemberg am gestrigen Montag fanden am 18. und 19. Juni weitere Warnstreiks statt. Die Beschäftigten bei Kaufland in Stuttgart und Umgebung vereinten sich zu einer Kundgebung und einem Protestzug durch die Fußgängerzone in der Innenstadt. Zuvor ging es am 15. und 16. Juni bei der Alliance Healthcare und beim Phönix Pharmahandel in Stuttgart, Neuhausen, Frankfurt am Main und Kassel rund.

Kinderwagen blockieren am 19. Juni 2021 in Stuttgart Filialen der Modeketten H&M und Zara Aktionsbündnis 8. März Stuttgart Frauenaktion am 19. Juni 2021 in Stuttgart

Auf dem Rücken der Mütter

In der Woche vom 14. bis 20. Juni stand vor allem die Beauty- und Modeindustrie im Mittelpunkt der Aktivitäten. In Niedersachen, NRW, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern wurden Filialen von Zara, H&M, Primark, Esprit, TK-Maxx und Douglas bestreikt. Solidarische Unterstützung gab es am vergangenen Samstag für die Kolleginnen und Kollegen in Stuttgart. Mitglieder des feministischen „Aktionsbündnisses 8. März“ blockierten zeitweilig Filialen von Zara und H&M. Mehr als ein Dutzend Kinderwagen stoppten den samstäglichen Shoppingbetrieb. Sie protestierten damit gegen eine von beiden Unternehmen betriebene „Flexibilisierung“ der Arbeitszeiten, die insbesondere die in den Modeläden arbeitenden Mütter diskriminiert. Beide Ketten verweigern Eltern zunehmend, ihre Einsatzzeiten so anzupassen, dass sie Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut kriegen. Anstatt die Arbeit familienfreundlich zu organisieren, versuchen Manager, die Betroffenen aus dem Unternehmen zu drängen. Dagegen regt sich der Protest der Beschäftigten – und die Solidarität mit ihnen wächst.

Am Freitag kam es zu einem neuen Höhepunkt der Tarifbewegung in Bayern: Insgesamt wurden mehr als 50 Betriebe zum Streik aufgerufen. Einige von ihnen hatten sich schon seit Tagen im Ausstand befunden, darunter die Beschäftigten von Bauhaus, Edeka, Hofmann, Ikea, Kaufland, Lidl, Marktkauf, Metro und Netto. Im hessischen Darmstadt folgten am Samstag die Kolleginnen von 27 Filialen der Einzelhandelsunternehmen Primark, Zara, Douglas, H&M, Ikea, real und Kaufland dem Streikaufruf von ver.di, die Kolleginnen aus elf Douglas Filialen schlossen sich ihnen an.

In Niedersachen stand am 18. Juni die Arbeit im Modehandel sowie bei Marktkauf und Edeka still, schon am 14. Juni war die Metro bestreikt worden.

Streikposten am 21. Juni 2021 vor dem Amazon Fulfillment Center in Graben ver.di Handel Bayern Streikposten bei Amazon Graben

Im Vorfeld der zweiten Verhandlungsrunde am 15. Juni in Hamburg machten die Beschäftigten bei der Hermes Fulfillment GmbH und der H&M Logistik AB & Co. KG deutlich. Gereicht hat das offenkundig noch nicht, das Angebot der Unternehmer*innen verdient diesen Namen nicht: Einmalzahlungen und minimale Lohnsteigerungen würden Reallohnverluste für die Kolleg*innen bedeuten. Auch für den pfälzischen, hessischen und den Brandenburger Großhandel fielen die Angebote der Arbeitgeberverbände mager und inakzeptabel aus. Dasselbe gilt auch für die bereits dritte Verhandlungsrunde, die am gestrigen Montag ergebnislos beendet wurde. Die ver.di-Verhandlungskommission hat das von der Gegenseite vorgelegt Angebot als viel zu niedrig und auch im Hinblick auf die lange Laufzeit von 36 Monaten als nicht akzeptabel zurückgewiesen. Die Gewerkschaft kündigt an, die Warnstreiks in den kommenden Tagen zu verstärken. „Die Beschäftigten im Einzelhandel warten bereits im dritten Monat auf die dringend nötigen Tariferhöhungen! Die Empörung darüber wächst in Betrieben. Das zeigt auch die wachsende Bereitschaft, sich an Protestaktionen und Warnstreiks zu beteiligen,“ unterstreicht ver.di-Verhandlungsführer Bernhard Franke.

Seit Montag streiken zudem bundesweit mehrere tausend Kolleginnen und Kollegen in sieben Fulfillment Centern des Onlinehändlers Amazon. ver.di fordert von dem Konzern die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie einen Tarifvertrag Gute und gesunde Arbeit.

Impfung gegen Altersarmut

In Berlin haben die Kolleginnen und Kollegen aus dem Einzelhandel mit einer „Impfaktion (auch) gegen Altersarmut“ ihre aktive Tarifrunde 2021 eröffnet. Die ver.di-Aktiven sprachen Kund*innen und Passant*innen an, klärten über die aktuelle Situation von Verkäufer*innen auf und warben um Unterstützung für ihre Forderungen. Die Tarifspritze mit der Forderung von 4,5% plus 45 € mehr Gehalt, einem Mindeststundentarif von 12,50 Euro/Stunde und nach der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge schützt wirksam gegen Lohnverfall und Altersarmut. Anschließend besuchten die ver.di-Aktiven ihre Kolleg*innen u. a. bei Galeria Karstadt Kaufhof, Thalia, Galeria Markthalle, Rewe, H&M und Primark und diskutierten über die in der Hauptstadt jetzt erst beginnende Tarifrunde.

Die Kolleginnen und Kollegen lassen sich nicht spalten, die Ohrfeigen der Unternehmer geben die Beschäftigten mit weiteren Arbeitskampfmaßnehmen faustdick zurück!


  Immer noch nicht Mitglied bei ver.di?

  Dann aber los jetzt - denn gemeinsam sind wir unaufhaltsam!