Wer nicht hören will…

Warnstreiks im Handel: Tausende Beschäftigte legen die Arbeit nieder
26.05.2023
Streikende demonstrieren am 24. Mai 2023 in Kiel

26. Mai 2023. Wer nicht hören will, muss fühlen. Das haben in den vergangenen Tagen Tausende Kolleginnen und Kollegen aus dem Einzel- und Versandhandel wie aus dem Groß- und Außenhandel eindrucksvoll deutlich gemacht. Nachdem die Unternehmer und ihre Verbände in den laufenden Tarifrunden nur inakzeptable Angebote vorgelegt haben, rief ver.di die Beschäftigten in vielen Orten zu Warnstreiks auf.

Am heutigen Freitag legten Hunderte Beschäftigte des Einzelhandels in Baden-Württemberg die Arbeit nieder und versammelten sich gemeinsam mit Streikenden aus dem privaten Omnibusgewerbe zu einer eindrucksvollen Kundgebung in Stuttgart. Aufgerufen waren Kolleginnen und Kollegen von Kaufland, H&M, Ikea, Primark, Zara, Galeria und Obi unter anderen Unternehmen aus Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Heilbronn, Schwäbisch Hall, Reutlingen, Esslingen und Tübingen.

Am 17. Mai war die zweite Verhandlungsrunde über die Tarifentgelte im Einzel- und Versandhandel Baden-Württemberg ohne Annäherung zu Ende gegangen. ver.di fordert in Baden-Württemberg eine Erhöhung der Entgelte um 15 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten sowie eine Anhebung der Ausbildungsvergütungen um monatlich 200 Euro, die Verdoppelung der Sozialzulagen sowie die gemeinsame Beantragung der Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrages.

 
Streikposten am 25. Mai 2023 vor Sanacorp in Hamburg

Die Unternehmer bieten bei einer Laufzeit von 24 Monaten Erhöhungen der Löhne und Gehälter um insgesamt 7,5 Prozent Prozent vor. Zudem soll eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 1.000 Euro gezahlt werden. Die Tarifkommission hat das als unzureichend abgelehnt.

Auch in Bayern hat ver.di die Beschäftigten im Groß- und im Einzelhandel heute zum Warnstreik aufgerufen. In über 40 ausgewählten Betrieben der Unternehmen Stahlgruber, Rewe, Selgros, H&M, ZARA, Edeka, Netto, Kaufland und Galeria Karstadt Kaufhof wurde die Arbeit niedergelegt. „Durch die dramatisch gestiegenen Preissteigerungen sind die Kolleg*innen in den unteren Einkommensgruppen überproportional hart betroffen. Das Angebot der Arbeitgeber macht die Kolleg*innen richtig wütend. Nicht nur, dass ihnen weiterer Reallohnverlust geboten wird. Das Arbeitgeberangebot verschärft die drohende Altersarmut“, erklärte Hubert Thiermeyer, ver.di Verhandlungsführer für den Einzelhandel in Bayern. Sein Kollege Thomas Gürlebeck, der für ver.di die Verhandlungen für den Groß- und Außenhandel in Bayern führt, ergänzt: „Das Verhalten der Handelskonzerne ist eine Frechheit. Einerseits verdienen sie an den stark gestiegenen Preisen prächtig und auf der anderen Seite interessiert sie es kein bisschen, wie die finanzielle Situation der Beschäftigten ist. Der heutige Streiktag ist ein wichtiges Zeichen an die Arbeitgeber, ihre realitätsfremde Haltung aufzugeben.“

ver.di fordert für den Einzel- und Versandhandel unter anderem eine Erhöhung der Stundenlöhne um 2,50 Euro. Im Groß- und Außenhandel verlangt ver.di für dieses Jahr eine Erhöhung der Entgelte um 13 Prozent. Die Auszubildenden in beiden Branchen sollen 250 Euro mehr bekommen. Dafür waren bereits am 17. Mai insgesamt 4000 Beschäftigte aus Bayern in einen ganztägigen Streik getreten, 3500 von ihnen hatten sich in Nürnberg zu einer großen Kundgebung versammelt. „Bei Lebensmitteln, Energiekosten, Mieten oder Mobilitätskosten sind die Preise für die Beschäftigten explodiert. Auf der anderen Seite erleben wir steigende Umsätze und Extra-Gewinne bei den Konzernen und dies wird vielfach durch massive Preiserhöhungen erzielt. Dann aber Menschen mit Tarifangeboten abspeisen zu wollen, die weitere Reallohnverluste zur Folge haben, ist ein Skandal,“ rief Bayerns ver.di-Landesleiterin Luise Klemens auf der Kundgebung den Streikenden zu.

 

 

Im hohen Norden beteiligten sich an diesem Mittwoch mehr als 800 Kolleginnen und Kollegen an der zentralen Streikkundgebung der Handelsbeschäftigten in Kiel. Die Streikenden hatten sich am frühen Vormittag am Kieler Hauptbahnhof getroffen und waren dann lautstark durch die Innenstadt gezogen, bis sie gegen 12 Uhr zur zentralen Kundgebung auf dem Rathausplatz eintrafen. Neben Mitgliedern der Tarifkommissionen, die auf der Bühne ihrem Unmut deutlich Luft machten und angemessene Entgelte forderten, sprachen Frank Hornschu vom DGB und Susanne Schöttke, ver.di-Landesleiterin Nord.

 „Die Teilnahme übertrifft unsere Erwartungen deutlich. Die Kolleginnen und Kollegen im Handel stehen klar hinter den ver.di-Forderungen in der Tarifrunde 2023“, stellte Bert Stach, ver.di-Verhandlungsführer für den Handel im Norden, fest. Das Angebot der Arbeitgeber in der ersten Runde der Tarifverhandlungen im Groß- und Außenhandel würde den Beschäftigten in der Eckgehaltsgruppe eine tabellenwirksame Steigerung des gesamten Jahresentgelts in 2023 von gerade einmal etwas mehr als 90 Euro bringen. Das Angebot im Einzelhandel in der ersten Runde würde das Eckgehalt im Jahr 2023 tabellenwirksam um gerade einmal 1,6 Prozent steigern. „Das ist alles bei weitem nicht ausreichend! Die Arbeit im Handel muss wertgeschätzt werden. Wir brauchen ein deutlich verbessertes Angebot! Dafür sind die Kolleginnen und Kollegen am 24. Mai auf die Straße gegangen“, so Stach weiter.

 

 

Wenn die Beschäftigten weit vor der nächsten Gehaltszahlung überlegen müssen, was sie sich noch leisten können, ist das ein untragbarer Zustand.

Torsten Furgol, ver.di-Verhandlungsführer in Sachsen-Anhalt

Ergebnislos blieb der Auftakt der Tarifverhandlungen für den Groß- und Außenhandel auch in Sachsen-Anhalt. „Die Arbeitgeber haben den Ernst der Lage für die Beschäftigten in der Branche nicht realisiert“, sagt ver.di-Verhandlungsführer Torsten Furgol. „Wenn die Beschäftigten weit vor der nächsten Gehaltszahlung überlegen müssen, was sie sich noch leisten können, ist das ein untragbarer Zustand. Wertschätzung und Respekt sehen anders aus“. Zu Recht seien die Mitglieder der Tarifkommission schwer enttäuscht, denn das vorgelegte „Angebot“ bedeute deutliche Reallohnverluste für alle Beschäftigten. Die Unternehmer bieten 4 Prozent mehr Geld ab Dezember 2023, weitere 2,1 Prozent mehr ab Dezember 2024 sowie eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 700 Euro bei Abschluss und nochmal 700 Euro irgendwann im kommenden Jahr. „Wir bleiben bei unserer Forderung von 13 Prozent Entgelterhöhung, jedoch mindestens 400 Euro bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Arbeitskräftemangel und eine schlechte Reputation der Branche sind das Ergebnis einer völlig verfehlten, viel zu niedrigen Einkommensstruktur“, so Furgol.

 

Warnstreiks im Handel

Streik bei Esprit in Kiel am 24. Mai 2023
© Bert Stach / ver.di Handel