Bananen

Preiskampf auf Kosten der Menschenrechte

ver.di unterzeichnet offenen Brief an Einzelhandelsunternehmen
20.11.2020
Bananenarbeiter*innen in Uganda

20. November 2020. Im Einzelhandel tobt ein Preiskampf um das Angebot von Bananen. Weil die Unternehmen versuchen, die Einkaufspreise zu drücken, verschlechtern sich die Lohn- und Arbeitsbedingungen der Bananenarbeiter*innen, denn gerade beim Thema existenzsichernder Löhne besteht ein direkter Zusammenhang zwischen niedrigen Einkaufspreisen und Menschenrechtsverletzungen.

Vor diesem Hintergrund haben sich zivilgesellschaftliche Organisationen aus Deutschland und Lateinamerika mit einem Schreiben an Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel gewandt. In dem Schreiben appellieren sie an die Unternehmen, die menschenrechtliche Sorgfaltspflichten umzusetzen und fordern sie auf, „den Preiskampf bei den Einkaufspreisen von Bananen nicht weiter voranzutreiben, sondern existenzsichernde Einkaufspreise zu zahlen, welche die Einhaltung von guten Löhnen und Arbeitsbedingungen sowie Menschenrechten und Vermeidung von Umweltschäden ermöglichen“. Für ver.di hat das Schreiben Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter für den Einzel- und Versandhandel, unterzeichnet.

Nachstehend dokumentieren wir den Wortlaut des Schreibens:

 

Betreff: Entwicklung bei Einkaufspreisen für Bananen

An

  • Erik Hollmann, Director CR/QA International, Aldi Nord
  • Sarah Bollermann, Director CR International, Aldi Süd
  • Kerstin Jürges, Leiterin Abteilung Nachhaltiger Einkauf, EDEKA
  • Julia Dinkelacker, CSR INT/DE, Kaufland
  • Stefan Haensel, Geschäftsführer Gesellschaft und International, Lidl
  • Dirk Heim, Bereichsleiter Nachhaltigkeit Ware, Rewe

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den letzten Wochen haben uns Berichte erreicht, denen zufolge ALDI anstrebt, den Einkaufspreis für Bananen im Jahr 2021 von 12,41 Euro auf 11,33 Euro pro Box, um knapp 9 Prozent zu senken. Dieser Ankündigung gehen im gesamten Lebensmitteleinzelhandel Jahre des erbitterten Preiskampfs bei Bananen, mit dem eindeutigen Trend immer weiter sinkender Einkaufspreise voraus. Wir beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge, und dies betrifft bei weitem nicht nur ALDI, sondern den gesamten Lebensmitteleinzelhandel. Daher wenden wir uns heute an Sie.

In den letzten Jahren berichteten Einzelhandelsunternehmen zunehmend darüber, menschenrechtliche Sorgfaltspflichten umzusetzen und machten teilweise deutliche Fortschritte bei ihrer öffentlichen Berichterstattung. Das Beispiel der Bananenpreise zeigt, dass menschenrechtliche Sorgfaltspraktiken über diese Kommunikation hinaus scheinbar noch nicht in der unternehmerischen Praxis angekommen sind. Menschenrechtliche Sorgfaltspflichten müssen sich auch in existenzsichernden Einkaufspreisen und Vertragsbedingungen widerspiegeln, welche die Einhaltung von Menschenrechten ermöglichen. Anhand der aktuellen Situation wird erneut deutlich, wie dringend notwendig ein Lieferkettengesetz ist, damit Einkaufspraktiken unter Berücksichtigung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten umgesetzt werden.

Gerade beim Thema existenzsichernder Löhne besteht ein direkter Zusammenhang zwischen niedrigen Einkaufspreisen und Menschenrechtsverletzungen. Damit stehen niedrigere Einkaufspreise auch im eklatanten Widerspruch zu der von einigen deutschen Einzelhandelsunternehmen im Januar 2020 unterzeichneten Selbstverpflichtung zu existenzsichernden Löhnen und dem im Rahmen dieser Initiative gestarteten Projekt zum Bananenanbau in Ecuador.

Die aktuelle Situation ist aus unserer Sicht auch eine Chance für den Einzelhandel. Die Branche kann zeigen, dass sie verstanden hat: Menschenrechtliche Sorgfaltspflichten können nicht einher gehen mit immer niedrigeren Einkaufspreisen. Einkaufspreise müssen zum einen Produktionskosten decken aber vor allem dafür sorgen, dass Beschäftigte entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette existenzsichernde Löhne bekommen und gesundheitszuträgliche Arbeitsbedingungen garantiert werden. Das wäre zugleich ein Beitrag zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen und negativen Umweltauswirkungen. Menschenrechte enden nicht vor den Betrieben und umfassen auch die Wahrung der Rechte von Beschäftigten.

In diesem Sinne fordert auch die Gewerkschaft „Asociación Sindical de Trabajadores Bananeros Agrícolas y Campesinos“ (ASTAC) aus Ecuador, dem wichtigsten Produktionsland für den deutschen und den Weltmarkt: “Anstatt die Ausbeutung von Arbeitskräften weiter zu verstärken sollten Supermärkte und insbesondere ALDI eine Einkaufspolitik umsetzen, welche einen besseren Preis für jene Zulieferbetriebe zusichert, die Arbeitsrechte, insbesondere die Vereinigungsfreiheit und den sozialen Dialog mit Arbeiter*innen fördern, um die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen zu verbessern.“

Die Gewerkschaftskoordination der lateinamerikanischen Bananenarbeiter*innen, COLSIBA (Coordinadora Latinoamericana de Sindicatos Bananeros), warnt bereits seit der ersten internationalen Bananenkonferenz im Jahr 1998 vor den Folgen des Preiskampfs durch die großen Einzelhandelsunternehmen und führt in einer Stellungnahme zur aktuellen Preiskrise aus: "Die Einzelhändler haben noch nicht begriffen, dass ihre niedrigen Preise weiterhin Armut verursachen. Ihre Strategie, Verantwortung an private Zertifizierungsstellen wie die Rainforest Alliance zu delegieren, führt nicht zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Einhaltung von Arbeitnehmer*innenrechten auf den Plantagen, auf denen sie einkaufen und nutzt lediglich den Einzelhandelsunternehmen selber, da sie sich hinter dem Image der Siegel verstecken. Sie sagen ihren Kunden nicht die Wahrheit."

Wir fordern Sie daher auf, den Preiskampf bei den Einkaufspreisen von Bananen nicht weiter voranzutreiben, sondern existenzsichernde Einkaufspreise zu zahlen, welche die Einhaltung von guten Löhnen und Arbeitsbedingungen sowie Menschenrechten und Vermeidung von Umweltschäden ermöglichen.

Bitte informieren Sie uns, wie Sie die derzeitige Entwicklung im Bananensektor sehen und wie sich Ihr Unternehmen in dem Spannungsverhältnis zwischen Preiskampf und menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht positioniert.

Mit freundlichen Grüßen

  • Jorge Acosta Orellana, Koordinator, Asociación Sindical de Trabajadores Bananeros Agrícolas y Campesinos (ASTAC)
  • Dr. Klaus Seitz, Abteilungsleitung Politik, Brot für die Welt
  • Thomas Krämer, Geschäftsführer, Christliche Initiative Romero
  • Gilbert Bermúdez Umaña, Koordinator, Coordinadora Latinoamericana de Sindicatos Bananeros (COLSIBA)
  • Matthias Fiedler, Geschäftsführer, Forum Fairer Handel
  • Arndt Massenbach, Geschäftsführer, INKOTA-netzwerk
  • Dr. Bernd Bornhorst, Abteilungsleiter Politik und Globale Zukunftsfragen, MISEREOR
  • Frank Braßel, Bereichsleiter Politik & Kampagnen (Interim). Oxfam Deutschland
  • Dr. Ulrike Dufner, Geschäftsführerin, SÜDWIND-Institut
  • Claudia Brück, Vorstand / Kommunikation & Politik, TransFair
  • Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzel- und Versandhandel, ver.di

 

Offener Brief als PDF