International

In Mumbai wie in Mannheim

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In Mumbai wie in Mannheim

Gewerkschaftsaktive aus acht Ländern diskutierten über internationale Solidarität und Zusammenarbeit.

Als vor wenigen Jahren bei H&M in Deutschland aktive Betriebsräte entlassen werden sollten, gab es nicht nur hierzulande Proteste. Sogar in Indien wandten sich Gewerkschaftsaktive an das örtliche Management und drohten mit Streik. Die internationale Solidarität hatte Erfolg, der Modekonzern musste die Kündigungen zurücknehmen.

Daran erinnerte am Mittwoch in Berlin die indische Gewerkschafterin Dithhi Bhattacharya. Sie war eine von insgesamt rund 140 Gewerkschaftsaktiven, Betriebsräten und Fachleuten aus der Wissenschaft, die im Berliner ver.di-Haus zu einer zweitägigen Tagung über die „Möglichkeiten der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung zur Durchsetzung von Arbeits-und Menschenrechten entlang von Wertschöpfungsketten und innerhalb transnationaler Unternehmen“ zusammengekommen waren, die von ver.di gemeinsam mit dem internationalen Netzwerk tie global und der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt wurde.

Hinter dem langen Veranstaltungstitel verbargen sich zwei Tage voller spannender Diskussionen mit Teilnehmehmenden aus Sri Lanka, Bangladesch, Indien, Südafrika, Kolumbien, Spanien, Brasilien und Deutschland. Allen gemein war, dass sie an einer Stelle der internationalen Lieferketten tätig sind, die zum Beispiel vom Anbau der Orangen in Südamerika bis zum Verkauf des Saftes in hiesigen Supermärkten oder von den Textilfabriken in Asien bis zu Modehäusern in deutschen Großstädten reicht.

Überall auf diesem Weg müsse der Mensch im Mittelpunkt stehen, forderte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger in ihrem einleitenden Statement. Tatsache sei jedoch, dass sowohl in Bangladesch wie auch hierzulande eher im Interesse der Kapitalinteressen gehandelt werde. Dr. Heiner Köhnen von tie global ergänzte, dass – da sich die internationalen Konzerne ganz selbstverständlich organisieren – dies auch die Beschäftigten über alle Grenzen hinweg tun müssten. Gemeinsames Ziel sei es, „den Mächtigen das Fürchten zu lehren“, so Köhnen.

Valter Sanches, Generalsekretär der globalen Gewerkschaftsföderation IndustriAll, griff diesen Gedanken auf und wies darauf hin, dass sich in vielen Ländern die Regierungen an einem Wettlauf um die billigsten Arbeitskräfte beteiligen. Dithhi Bhattacharya ergänzte, dass es auch darum gehen müsse, sich von traditionellen Charity-Maßnahmen des Nordens für den Süden zu befreien. Es gehe um wirkliche Solidarität der Beschäftigten und ihren Zusammenschluss überall auf der Welt. Dabei müsse klar sein, dass dies auf den Widerstand der globalen Konzerne stoßen werde, weil jede Verbesserung der Arbeitsbedingungen ihre Gewinne schmälere.

Es kann nicht darum gehen, dass die Kosten für eine Verbesserung der Bedingungen in den Betrieben auf die Arbeiterklasse abgewälzt werden, weder in Asien noch in Europa.

Dithhi Bhattacharya, indische Gewerkschafterin

Die indische Gewerkschafterin erteilte auch Kampagnen eine Absage, die darauf abzielen, dass die Konsumenten einen oder zwei Euro mehr für ihre Produkte zahlen. Es könne nicht darum gehen, dass die Kosten für eine Verbesserung der Bedingungen in den Betrieben auf die Arbeiterklasse abgewälzt werden, weder in Asien noch in Europa. Es gehe deshalb kein Weg an starken Gewerkschaften vorbei.

Raum zur intensiveren Diskussion gab es in verschiedenen Arbeitsgruppen. So wies Mirko Herberg von der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Runde über die Bedeutung internationaler Abkommen und globaler Branchentarifverträge darauf hin, dass solche Instrumente wertlos seien, wenn ihre Einhaltung nicht durch Organisationsmacht durchgesetzt werde.

In einer anderen AG diskutierten Kolleginnen und Kollegen aus Kolumbien, Brasilien, Sri Lanka und der Bundesrepublik über „Gesundheitsmapping“ als Werkzeug zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Sandra Trilikovski von der brasilianischen Landarbeitergewerkschaft Botucatu berichtete, wie ihre Organisation die Beschäftigten in ihrer Mittagspause über körperliche Beschwerden befragte und dadurch ein Bild der Gesundheitsgefährdung auf den Plantagen erstellen konnte. Auf dieser Grundlage wurden dann Forderungen an das Unternehmen erhoben.

Eine Kollegin von Zara aus Deutschland schilderte daraufhin, wie auch in ihren Filialen die Beschäftigten nach Beschwerden befragt wurden und so Probleme sichtbar gemacht wurden. Es habe sich herausgestellt, dass die Verkäuferinnen in Deutschland teilweise über die gleichen körperlichen Beschwerden klagten wie ihre als Näherinnen in Sri Lanka arbeitenden Kolleginnen. So öffneten sich Möglichkeiten, gemeinsam vom Konzern eine Verbesserung der Bedingungen einzufordern. Das zeige, wie „Mapping“ ein perfektes Instrument sei, um die Menschen miteinander zu verbinden – sowohl die Beschäftigten in einem Betrieb als auch die an den verschiedenen Enden der Lieferkette.

Stefanie Nutzenberger fasste die Ergebnisse der Tagung am Donnerstag mit den Worten zusammen, dass wir bei ver.di „nicht die Helfenden für andere sind, sondern wir gemeinsam dafür eintreten, die Arbeitsbedingungen überall zu verbessern“. Das ist auch der Tenor des „Berliner Manifests“ (siehe unten als PDF), das zum Abschluss von allen Teilnehmmenden verabschiedet wurde und in dem die gemeinsamen Kernforderungen zusammengefasst sind: menschenwürdige und existenzsichernde Löhne und Sicherheit im Alter, gute und gesunde Arbeitsbedingungen, tarifvertragliche Regelungen, das Zugangsrecht der Gewerkschaften und ihrer Vertretungen in allen Unternehmen und Betrieben, wirksame Maßnahmen gegen sexuelle oder rassistische Übergriffe, Diskriminierung und Ausbeutung sowie gleichen Lohn für gleiche Arbeit überall.

Bericht von André Scheer (ver.di-Gewerkschaftssekretär, Bundesfachbereich Handel)

Das Berliner Manifest gibt es hier zum Download auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch:

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