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Tarifflucht bei Thalia

Tarifflucht bei Thalia

Buchhandelskette nutzt Corona und Jahreswechsel für Schlag gegen Beschäftigte
Thalia-Filiale in Mannheim Wegavision, CC0, via Wikimedia Commons Thalia-Filiale in Mannheim

13. Januar 2021. Böse Überraschung für die Beschäftigten der Buchhandelskette Thalia. In einem Schreiben an die Kolleginnen und Kollegen teilte die Unternehmensleitung zum Jahresbeginn 2021 mit, dass Thalia aus der Tarifbindung aussteigt. Zwar werde man dort, wo bislang der mit ver.di abgeschlossene Tarifvertrag galt, das bisherige Gehalt weiterzahlen. Zukünftige Tariferhöhungen wolle man aber nicht mehr automatisch umsetzen. Gehaltssteigerungen sollen künftig an den aktuellen Unternehmenserfolg gekoppelt werden.

Damit greift die Unternehmensleitung die Einkommens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten von einem auf den anderen Tag frontal an, so Heike Lattekamp, Fachbereichsleiterin Handel bei ver.di Hamburg. „Das heißt nichts anderes, als dass es weniger Gehalt gibt, wenn sich der Erfolg nicht einstellt. Die Erfolgskriterien will die Unternehmensleitung selbst festlegen.“ Die Gewerkschafterin empört auch, dass Thalia die Widrigkeiten der Corona-Pandemie und den Jahreswechsel ausnutzt, um die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verschlechtern: „Trotz der Ängste und Sorgen um ihre Gesundheit und ihre finanzielle Zukunft haben die Kolleginnen und Kollegen in den letzten Wochen und Monaten im Verkauf, an der Kasse und im Lager gearbeitet. Sie waren für die Daseinsvorsorge da und trugen dazu bei, dass Umsätze wieder generiert wurden. Statt den Beschäftigten dafür Wertschätzung entgegen zu bringen, zerschlägt das Unternehmen die Sozialpartnerschaft. Das ist unfair und das werden wir nicht hinnehmen. “

Geltende arbeitsrechtliche Bestimmungen scheinen den Herrschaften an der Unternehmensspitze völlig egal zu sein.

Erika Ritter, ver.di Berlin-Brandenburg

Ihre Kollegin Erika Ritter, zuständige ver.di Landesfachbereichsleiterin in Berlin-Brandenburg, kritisiert zudem die grobe Missachtung der gesetzlichen Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats. „Geltende arbeitsrechtliche Bestimmungen scheinen den Herrschaften an der Unternehmensspitze völlig egal zu sein.“

In Berlin wurde außerdem die Filiale, in der der Betriebsratsvorsitzende beschäftigt ist, kurzerhand in eine eigene Gesellschaft ausgegründet. Es drängt sich zwangsläufig die Frage auf, ob man sich hier mit miesen Tricks eines unbequemen Kollegen entledigen will, ohne die zwischen Sozialpartnern übliche und gesetzlich vorgeschriebene Mitbestimmung des Betriebsrats zu wahren. „Ein derartiges Umgehen mit den Beschäftigten ist schlicht skandalös und hat aber auch gar nichts damit zu tun, dass sich Thalia im Markt als TOP-Arbeitgeber profilieren will. Die Unternehmensspitze sollte sich dafür schämen“, so Erika Ritter.